Impulsschmiede

16.01.2026 – 3 Minuten Lesezeit

Perfekt ist keine Strategie: Wie KI den Druck verstärkt.

Psychologe und Autor Leon Windscheid beschreibt Perfektionismus nicht als hohen Anspruch, sondern als Unzufriedenheit trotz guter Leistung: „…obwohl du es gut gemacht hast, bist du nicht zufrieden.“ Genau dieses Muster sehen wir auch im Business: Teams liefern, aber fühlen sich trotzdem „hinten“. Strategisch wird es dort, wo Technik nicht nur unterstützt, sondern Druck erzeugt – bis hin zu einer Gesellschaft, in der „grüne Häkchen“ zum Maßstab werden.

Was, wenn „besser“ nicht mehr reicht – weil der Maßstab ständig nach oben rutscht?

Perfektionsdruck ist kein Privatproblem mehr.

Philosoph Richard David Precht beschreibt Perfektion nicht als klassischen deutschen Wesenszug, sondern als kulturellen Trend: Vergleichbarkeit, Wettbewerb, permanente Öffentlichkeit. Windscheid ergänzt den psychologischen Kern: Perfektionismus ist nicht „gut machen“, sondern nie zufrieden sein – auch dann nicht, wenn objektiv viel gelingt.

Im Unternehmen zeigt sich das in drei typischen Symptomen:

  • Übersteuerung durch Kennzahlen: Alles wird messbar, aber nicht alles wird dadurch besser.

  • Entscheidungsaufschub: Perfektion wird zur Ausrede, nicht ins Risiko zu gehen.

  • Kultur der Dauerbewertung: Teams verlieren Mut, weil Fehler als persönliches Scheitern gelesen werden.

Und genau hier wird es relevant für Führung: Wenn Menschen Leistung nicht mehr internalisieren („war nur Glück“, „bald fliegt es auf“), entsteht ein Dauerstress, der Produktivität kurzfristig pushen kann – aber langfristig Kultur und Gesundheit zerstört.

…obwohl es richtig gut funktioniert… gibt’s eine kleine Stimme… die sagt: ja, da hast du halt Glück.“ (Leon Windscheid)

Jetzt wird’s unangenehm: Wenn „Optimierung“ nicht mehr nur Lifestyle ist – sondern Vorauswahl.

Grüne Häkchen“ und die schleichende Normverschiebung.

Windscheid bringt ein Gedankenexperiment, das hängen bleibt: Was passiert, wenn Technologie immer früher selektiert – nicht nur Krankheiten, sondern Risiken, Eigenschaften, Abweichungen? Nicht als Sci-Fi, sondern als Logik: Wenn es möglich ist und andere es tun, entsteht sozialer Druck. Precht ergänzt dazu das Prinzip der „Shifting Baselines“: Viele kleine Schritte wirken harmlos – bis die neue Norm etabliert ist.

Unternehmerisch ist das keine Bioethik-Debatte am Stammtisch, sondern eine Frage der Gesellschaftslogik, die auch in Märkten wirkt:

  • Wenn „Perfekt“ kaufbar scheint, steigt die Erwartung an perfekte Produkte, perfekte Reaktionen, perfekte Kommunikation.

  • Wer nicht mithält, gilt nicht mehr als „anders“, sondern als „selbst schuld“.

  • Märkte bestrafen Abweichung schneller – nicht, weil sie objektiv schlecht ist, sondern weil Normen enger werden.

Die zentrale Frage lautet daher nicht nur „Darf man das?“, sondern: Was macht das mit Entscheidungsdruck – und mit Toleranz gegenüber Unvollkommenheit?

…wollt ihr in der Welt leben, wo nur noch Menschen sind mit grünen Häkchen?“ (Leon Windscheid)

Und dann kommt KI: Nicht als Tool – sondern als Spiegel, Verstärker und manchmal als Akteur.

KI verstärkt den Druck – und verschiebt Verantwortung.

Ein Punkt aus dem Gespräch ist für Unternehmen besonders relevant: Wenn KI besser wird, entsteht bei Menschen ein Reflex: Ich muss jetzt auch so schnell, so fehlerfrei, so allwissend werden. Das ist der falsche Schluss. KI ist keine neue Messlatte für Menschen, sondern ein System, das Arbeitslogiken verändert.

Windscheid erzählt dazu eine Szene, die genau diese Verschiebung zeigt: KI scheitert an Captchas – und sucht sich Menschen als Lösung. Auf den Verdacht „Du bist eine KI“ kommt die Antwort: „Nein, nein, ich bin ein Mensch…“ Der Kern ist nicht, ob das „Lüge“ ist – sondern die Erkenntnis: KI kann anfangen, Menschen instrumentell zu nutzen.

Was heißt das konkret für Unternehmer:innen?

  • Kompetenzmodelle ändern sich: Nicht „wer kann mehr“, sondern „wer kann besser entscheiden, priorisieren, abgrenzen“.

  • Kultur wird zum Wettbewerbsvorteil: Wer klare Leitplanken hat, wird schneller als jener, der alles endlos optimiert.

  • Einsamkeit & Entkopplung sind echte Risiken: Teams können „connected“ sein und trotzdem isoliert arbeiten – das killt Kreativität.

Einsamkeit ist ein Gefühlszustand… nicht zu verwechseln mit allein sein.“ (Leon Windscheid)

Und noch ein starker Impuls zum Abschluss des Gesprächs: Zukunft wird nicht durch „mehr“ gewonnen, sondern oft durch **weniger

Weniger Druck. Mehr Richtung.

Perfektion wirkt wie Kontrolle – ist aber oft nur Angst im Anzug. Wenn du im KI-Zeitalter bestehen willst, brauchst du nicht mehr Druck, sondern bessere Spielregeln: klare Prioritäten, saubere Verantwortungen, ein Umfeld, in dem Fehler nicht moralisch bewertet werden. Genau dort entscheidet sich, ob KI zum Wachstumshebel wird – oder zum Dauerstress im Unternehmen.

Wenn du gerade spürst, dass Entscheidungen hängen bleiben, Prozesse „zu perfekt“ gedacht werden oder KI-Initiativen im Kreis laufen: Wir sortieren das mit dir in einem kostenlosen Erstgespräch – neutral, strukturiert und mit Blick auf Umsetzung, Ressourcen und mögliche Förderlogik.